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Tonality Communications | Ben Thal

Picture Perfect Posing

Ein Workshop der Superlative

30. November 2016 by Ben Thal

Mal ehrlich: Welcher People-Fotograf hat nicht mindestens einen “klassischen” Posing-Atlas in seinem Regal stehen? So ein althergebrachtes, nach Themen sortiertes Monstrum, das dem unerfahrenen Anwender einfache “Posing-Rezepte“ verspricht und dann pro Kapitel eine ganze Flut an verschiedenen Posen ein- und derselben Person illustriert? Wenn man sich in der Szene ein wenig umhört: so ziemlich jeder. Ich für meinen Teil besitze drei davon. Retrospektiv gesehen: schlecht investiertes Geld! Denn wirklich geile Posen, habe ich damit nur selten auf die Straße gebracht.

Vielmehr etablierte sich über die Jahre hinweg mein eigenes “System”, mit dem ich immer ganz gut gefahren bin: 1. Grundidee entwickeln, 2. Shooting planen, 3. mit dem Model verschiedene Posen besprechen und diese dann auf Zuruf ausführen lassen, 4. pro Pose mindestens 40mal auf den Auslöser drücken, 5. die drei besten Schüsse aussuchen und bearbeiten. Fertig! Safer Workflow, meist sehr zufriedene Kunden. Dann traf ich Roberto Valenzuela im Juli diesen Jahres auf der diesjährigen “Photoshop World” Convention in Las Vegas.

Der gebürtige Mexikaner wohnt und arbeitet heute in Beverly Hills (Kalifornien), gehört zu den ehrwürdigen “Canon Explorers of Light” und ist mitunter einer der meistgefeierten People- und Weddingfotografen unserer Zeit. Er hatte nur kurz Zeit um dem Plenum seine Philosophie vorzustellen, dennoch fühlte ich mich von Anfang an in seinen Bann gezogen. „Stell dir vor wie effektiv du sein könntest, wenn du Posing bis in die Fingerspitzen beherrschst, wenn du eine Pose arrangierst und dann – statt den gewohnten 50 mal – nur achtmal auf den Auslöser drücken musst?“  Diese Frage gab mir zu denken und schon die wenigen Tipps im Rahmen dieses Vortrags brachten meine Posing-Skills um Lichtjahre weiter. Im Herbst diesen Jahres wollte ich es dann genauer wissen und begab mich ins altehrwürdige London, zum einzigen Posing-Workshop, den Roberto im Jahr 2016 in Europa abhielt.

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Das Teilnehmerfeld bestand fast ausschließlich aus professionellen Fotografen und ein paar hochambitionierten Enthusiasten. Ein wunderbar angenehmes Arbeiten, denn ausnahmsweise standen einmal nicht ausschließlich Belichtungszeiten und Sensorgrößen im Vordergrund, wie man es (leider) aus vielen semi-professionellen Workshops kennt. Vielmehr gelang es uns, zwei volle Tage lang intensiv und ausschließlich an unseren Posing-Skills zu arbeiten. Roberto entpuppte sich als wunderbarer Instructor und ließ uns an seinem immensen Erfahrungsschatz bereitwillig teilhaben: Wie posiere ich welchen Teil des Rückens? Wie verteile ich Körpergewicht? Was mache ich mit den Händen? Wie pose ich Paare? Wie pose ich Augen? Auf welche Weise „engage“ ich das Model?

Im Kern folgt Robertos Philosophie dabei folgendem Prinzip: Posieren – sehen – korrigieren – nochmals sehen – abermals korrigieren – sehen – Pose üben – abdrücken. Statt ein Model ohne System irgendwelche Posen ausführen zu lassen, nimmt er sich Zeit, um die perfekte Pose Schritt für Schritt zu erschaffen. Immer wieder geht er zurückt, bewegt einen Arm, stützt ein Bein mit einer Kiste ab, erinnert an die gerade Haltung. Bis er schlussendlich zufrieden und das Model perfekt auf den Schuss vorbereitet ist. Dann ein Testschuss. Vielleicht noch ein Blick auf das Display… ein zwei Korrekturen und… Bäng! Das Ding ist im Kasten. In einer Qualität, die seinesgleichen sucht…

Diese Art zu arbeiten, geht schnell in Fleisch und Blut über. Hat man erst einmal Blut geleckt, geht es gar nicht mehr anders. Sicher, mit den effektvollen Set-Shouts in Germany’s Next Topmodel hat diese Arbeitsweise nichts mehr zu tun. Vielmehr läuft alles sehr ruhig und konzentiert ab. Die eigentliche Arbeit geschieht vor der Aufnahme: der Blick durch die Kamera und der Moment des Auslösens werden zur Nebensache.

Zwei superintensive Tage liegen hinter mir! Eine ganze Flut an Inputs und Arbeitsweisen im Gepäck, freue ich mich auf meiner Rückreise einmal mehr darüber, meinen Horizont entscheidend erweitert zu haben. Es scheint mir sehr wichtig zu wissen, was mit Posing alles möglich ist. Und noch wichtiger: was nicht! Denn beginnt man erstmal damit, sich von den eigenen Standard-Posen zu verabschieden, wird man mit einer neuen Welt an Möglichkeiten belohnt. Allerdings mit einer deftigen Nebenwirkung: fortan stolpert man auf Schritt und Tritt über die Posing-Fehler eigener, älterer Arbeiten! Und ertappt sich dabei, ehemalige “Portfolio-Schüsse” neuerdings den “NoNo’s” zuzuordnen. Diesem Fakt muss man allerdings gelassen entgegentreten. Denn wie war das nochmal gleich? “Wenn wir aufhören besser zu werden, sind wir irgendwann nicht mehr gut…”

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