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Kill Your Darlings: Verwerfen will gelernt sein!

Über die emotionale Beziehung zu Konzepten – und warum nicht jede schöne Idee auch eine gute Idee ist. Von Nicolas Thal.
Kill Your Darlings: Verwerfen will gelernt sein!
We design. We discard. – wir entwerfen, wir verwerfen. Bei tonality. hängen diese Worte gleichwertig und gut sichtbar im Atelier, also da wo gearbeitet wird, an Design, an Texten, an Ideen, an Lösungen. Als Stehsätze auf Leinwand gespannt haben sie etwas Mahnendes, in kreativen Sackgassen können sie aber durchaus auch eine befreiende Wirkung entfalten. Entwerfen, Verwerfen. No na, könnte der geneigte Besucher schulterzuckend zu sich selbst flüstern – aber dann würde er die hohe Kunst, sicher durch die Untiefen kreativer Schaffensprozesse zu navigieren, mit laienhafter Ignoranz strafen. Denn gekonntes Verwerfen will gelernt sein.

Schon die großen Meister der Literatur wussten um die Magie des erneuten Neuanfangs – und des bewussten Streichens geliebter Unnötigkeiten. Je nachdem, wieviel metaphorische Gewalt man dafür aufbringen will, kennt man den Leitspruch „Kill your darlings“ oder gar „Kill your babies“, der abwechselnd Aldous Huxley, Ernest Hemingway oder William Faulkner zugeschrieben wird bezieht sich vornehmlich auf das Weglassen überflüssiger Textbestandteile bezieht. Die dahinter steckende Philosophie jedoch – lässt sie sich nur allzu perfekt auf das Handwerk einer Agentur übertragen.

In Schönheit sterben – oder töten!

Denn kreatives Arbeiten entsteht selten als gerader Weg – eher wie ein Parcours: hier ein Impuls, dort ein Irrweg, zwischendurch ein Geistesblitz, der sich später als Sackgasse entpuppt. Trotzdem hängen wir an vielen dieser Impulse. Gerade im Design und in der Textarbeit entwickeln wir schnell eine emotionale Beziehung zu bestimmten Einfällen – sei es das ikonische Logo, das uns selbst begeistert, oder der Satz, den wir einfach zu gut finden, um ihn nicht zu verwenden.

Im Alltag heißt das: Wir produzieren ständig Entwürfe, die wir lieben, die aber manchmal nicht wirklich funktionieren. Wer dann die Größe findet, seine Darlings zu killen, zieht nicht los, um gnadenlos alles zu zerstören, was irgendwie Charme hat – sondern streicht großmütig weg, was das Ergebnis nicht stärkt. Ja, auch wenn man persönlich daran hängt. Einatmen, ausatmen, loslassen – es kann so einfach sein. Mehr noch, es kann befreiend sein, vor allem wenn die Lösung plötzlich viel klarer erscheint: Das ästhetische Design, das in Schönheit stirbt, gekippt – weil die fette, laute Variante nun mal stärker wirkt. Das überladene Logo, das auf dem Smartphone zu Staub zerfällt – ersetzt durch eine präzise Form, die überall funktioniert. Die poetische Metapher, die den Text verlangsamt – gestrichen, und auf einmal wirkt alles direkter, leichter, selbstbewusster. Oder die eine Kampagnenidee, die im Team gefeiert wurde, aber bei der Zielgruppe eigentlich keine Resonanz erzeugt – weg damit, und erst im nächsten Wurf entsteht etwas, das wirklich trägt.
Gekonnt verwerfen heisst bewusst fragen: Was hilft der Sache? Was bringt uns näher an Klarheit, Wirkung, Relevanz?

Vorsicht mit dem Skalpell

So weit, so gut. Doch gekonntes Verwerfen ist kein reflexartiger Impuls: Es braucht Urteilskraft. Denn tatsächlich kann man auch zu früh oder zu viel streichen – und damit Möglichkeiten verlieren, die kurz davor waren, groß zu werden. Wer sich anschickt, seine Babies zu töten, sollte zumindest schnell querchecken – ob er wirklich aus Qualitätsgründen streicht, und nicht aus Unsicherheit. Kreative Arbeit ist immer auch ein emotionaler Prozess, und nicht selten sind es die mutigen, ungewöhnlichen Konzepte, die einem ans Herz wachsen. Wer dann nur aus Sicherheitsgründen zu dem zurückkehrt, was sicher und vertraut wirkt – hat die Quintessenz des Darlingkillens nicht verstanden: Das Ergebnis ist dann zwar sauber, aber selten besonders. Die Linie zwischen “mutig eliminieren” und “ängstlich reduzieren” ist schmal – und sie entscheidet nicht selten über Mittelmaß oder einen wirklich guten Wurf.

Und schon droht auf der anderen Seite des kreativen Wildwasserflusses wieder die Gefahr des Overthinkings – wie immer, wenn man abwägt, ob eine Idee leben darf oder sterben muss. Man dreht, prüft, relativiert und seziert sie so lange, bis sie unter der Last der eigenen Analyse kollabiert. Man hält den Stift über dem Entwurf, statt einfach weiterzuschreiben. Man hofft auf absolute Sicherheit, bevor man entscheidet – und verliert dadurch Tempo, Momentum und oft auch die ursprüngliche Energie, die die Idee einmal hatte. Kreatives Arbeiten braucht Tiefe, ja. Aber es braucht auch Bewegung. Zu langes Abwägen macht aus einer lebendigen Vision schnell ein totes Objekt.

Man lebt nur zweimal

Am Ende geht es also nicht darum, wahllos zu töten, sondern bewusst abzuwägen: Was hilft der Sache? Was bringt uns näher an Klarheit, Wirkung, Relevanz? Und was ist nur ein Darling – hübsch, aber nicht hilfreich? Wer sich schwer trennt, kann ein „Archiv der Gefallenen“ anlegen. Ein Ort, an dem verworfene Ideen landen dürfen, ohne endgültig zu verschwinden – nur für den Fall, dass sie eigentlich gar nicht so schlecht waren, nur halt einfach im konkreten Fall nicht wirklich passen wollten. Töten fällt leichter, wenn getötete Darlings wieder auferstehen können.

Überhaupt verstehen wir “Killing your darlings” nicht als kreative Brutalität. Verwerfen, um neu zu entwerfen ist vielmehr ein Haltungstool, ein Kompass, der uns durch die chaotischen Phasen des Machens navigiert. Und wie bei jedem guten Werkzeug ist am Ende entscheidend, wie man es einsetzt: Mutig, aber nicht übereilt; ehrlich, aber nicht destruktiv; klar – aber immer offen dafür, dass manche Darlings vielleicht einfach nur eine zweite Chance brauchen…

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